Notorische Fremdgeherei

Notorische Fremdgeherei?
Wer sich mit Ehe, Affären und anderen Vergnügen beschäftigt, stolpert selbstverständlich auch über verschiedene Modelle der Ehe- und Paarberatung. Ich selbst habe vor einigen Jahren den Ratgeber eines Psychologen lektoriert, der eine Meinung zur „Fremdgeherei“ vertrat, die sozusagen den Mainstream zu dieser Angelegenheit auf den Punkt bringt.
„Eine Vielzahl von Männern nimmt es mit der Treue nicht so genau, ohne dass dabei immer eine Beziehungsproblematik zugrunde liegen muss“, meint Holger Wyra. Ich bin der Ansicht, dass bei einem sexuellen Verhältnis, das außerhalb der Beziehung das Leben verschönert, durchaus nicht immer eine Beziehungsproblematik zugrund liegt. Im Gegenteil: Möglicherweise kommt es erst zu einer Beziehungsproblematik, wenn kein Verhältnis außerhalb der Beziehung läuft – einerlei ob sie oder er es pflegt.
Dieser psychologisch-anthropologische Ansatz gehen also davon aus, dass es die Männer sind, die aktiv werden. „Leider wird von manchen feministischen Buchautorinnen empfohlen, dass Frauen es den Männern doch nachmachen und nun ihrerseits Affären beginnen sollten. Doch meine Erfahrung aus vielen Paarberatungen ist die, dass Affären aus Rache nicht glücklich machen.“ Was den zweiten Satz angeht, gebe ich dem Autor recht: Affären aus Rache kränken das Objekt der Begierde und tun ihm unrecht, und sich selbst schädigt man noch viel mehr.
Doch meiner Kenntnis nach gibt es reichlich Frauen, die es den Männern nicht nachmachen, sondern, im Gegenteil, es ihnen vormachen. Frauen haben – lesen Sie nur die Literatur des 19. Jahrhunderts – durchaus Eigeninitiative, sowohl was den Seitensprung angeht oder langdauernde nebeneheliche Verhältnisse (im 21. Jahrhundert haben wir, in Europa zumindest, mittlerweile auch gute Chancen, deshalb eher glücklich als unglücklich zu werden).
Für das angeblich aktivere Sexualverhalten (bei Männern) wird häufig die Evolutionspsychologie bemüht: Testosteron, Alphamännchen, die die Verbreitung ihrer Supergene gesichert wissen wollen. Abgesehen davon, dass es weniger Alphamännchen gibt, als Frauen sich manchmal wünschen, will dieses moderne biologistische Argument nichts weiter, als Frauen zu zähmen und gleichzeitig die Emanzipation im Munde zu führen. Holger Wyra zum Beispiel empfiehlt den Frauen: „Es geht darum, sich vom ihm zu trennen … Denn einem notorischen Fremdgeher ist kaum zu helfen.“
Auch da hat er recht. Es gibt Menschen, die notorische Fremdgeher oder Fremdgeherinnen sind. Das beste Beispiel ist mein Freund Rudolf. Nächstes Jahr hat er silberne Hochzeit und er geht seit 27 Jahren fremd. Ja. Er hat seine Frau schon „betrogen“, bevor er verheiratet war. Und er hegt keinerlei Reue.
In gewisser Weise ist er ein Role Model, wie es die Psychologen nennen. Rudolf ist nämlich der Ansicht, dass seine Art von Fremdgehen seine Ehe gerettet beziehungsweise überhaupt erst ermöglicht hat. Deshalb ist sein Verhalten in seinen Augen auch keine „Fremdgeherei“. Denn er bleibt unverbrüchlich bei seiner geliebten Frau Klara. Er zieht sogar in Erwägung, dass es seine Ehe hätte kosten können, wenn er keine „Geschichten nebenher“ gehabt hätte. Klara war schon immer seine Traumfrau, er wollte sie und keine andere. An dem bisschen Sex sollte das nicht scheitern, vertraute er mir an. Denn seine Frau Klara war eigentlich „nicht so richtig wild auf Sex“. Sie wollte nie so viel wie er.
Ein anderes Geheimnis des notorischen Fremdgehers Rudolf: Seine Traumfrau Klara war zwar seine Traumfrau, aber im Grunde nicht sein Typ. Sie ist fein, gebildet und zart. Sein sexueller Typ aber ist etwas weniger fein, und auch viel wenige zart. Er hatte – wie viele Menschen – erst mit Ende 30 bewusst bemerkt und akzeptiert, wo seine sexuellen Vorlieben liegen. Diesen Vorlieben geht er nun gezielt und dezent nach.
Notorische Fremdgeher leiden häufig, meinen, sie müssten sich „korrekt“ verhalten. Sie sollten jedoch zuallererst ergründen, ob sie zum Typ notorischer Fremdgeher gehören und ihr Verhalten sozialfreundlich und verantwortlich darauf einstellen.
Beziehungen brauchen Verantwortung. Wer nicht weiß, dass er der Typ Fremdgeher ist, geht nämlich in die Irre. Er oder sie verliebt sich, glaubt, es könne und dürfe nur eine geben, und wechselt von der einen Beziehung in die nächste. Bis es nach einem Jahr wieder von vorn los geht. Vielleicht brauchen diese Menschen den Reiz des Neuen. Deshalb ist es kontraproduktiv diese Neigung mit Liebe zu verwechseln. Mit dieser Fehleinschätzung sitzen sie nur Moralvorstellungen auf, die sie gar nicht einhalten können und ihnen das Leben vergällen. Sie müssen ja zwangsläufig scheitern!
Wer zum Typ „Fremdgeher“ oder „Fremdgeherin“ gehört, sollte seine Partnerin oder seinen Partner nicht mit diesem Charakterzug belästigen. Teilen Sie Ihre Freude an der Beziehung nicht mit – weder im Guten (Sie möchten möglicherweise Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner erzählen, wie toll es ist), noch im Bösen (Sie sollten auch nicht davon berichten, wenn er oder sie sich schlecht verhält). Sie müssen das allein mit sich ausmachen, wenn Sie in einer liebevollen Partnerschaft sind. Lassen Sie sich von der Umgebung nicht unter Druck setzen: Du musst dich entscheiden! Versuchen Sie, beides weiterzuleben – ohne Reue. Und mit der nötigen Verschwiegenheit und Routine.